Panel-Diskussion „Philosophie und Geschlecht“

Die Panel-Diskussion zu „Philosophie und Geschlecht“ am 18.12.2017 war ein großer Erfolg. Wichtige Kritikpunkte an Lehre und Inhalten in der Philosophie an der Goethe-Universität wurden angesprochen und diskutiert. Zum Nachlesen findet ihr im Folgenden unsere beiden Eingangsstatements für das Panel.

Erstes Statement

Ein Anliegen der heutigen Veranstaltung ist es, nach dem Verhältnis von Philosophie und Geschlecht zu fragen. Wie lässt sich das Verhältnis von Philosophie und Geschlecht bestimmen? Wie lässt sich dieses Fragen nach dem Verhältnis von Philosophie und Geschlecht als eine philosophische Frage verstehen?

Das Verhältnis zwischen Philosophie und Geschlecht ist eine Frage nach dem Inhalt der Philosophie: Welche Gegenstände werden als relevant genug betrachtet, sie zu untersuchen? Was sind „philosophische“ Probleme und Themen? Was sind Wissensobjekte der Philosophie?

Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Philosophie und Geschlecht ist allerdings auch eine Frage nach der Form: Die Art und Weise über bestimmte Themen zu sprechen,  philosophische Praxisformen – Schreib- und Denkweisen, wie z.B. die Mäeutik als Praxisformen des Zuhörens in antiken Texten, Briefe als dialogische Form des Schreibens, oder auch bestimmte Formen des Sprechens. Und daran anschließend die Frage: Welchen Einfluss haben bestimmte Praxisformen der Philosophie sowohl auf den Untersuchungsgegenstand „Geschlecht“ als auch auf die praktizierenden Individuen?

Die Reflexion auf das Verhältnis von Form und Inhalt ist eine genuin philosophische Frage. Wir können nicht über den Inhalt sprechen, wenn wir nicht auch über die Form sprechen – vielleicht lassen sie sich analytisch trennen, aber zu denken, Geschlecht spiele nur auf einer inhaltlichen Ebene eine Rolle, ist eine einseitige Verkürzung. Wir stellen uns daher die Frage, inwiefern die Praxisformen der Philosophie den Inhalt prägen:  Welche Inhalte werden ausgeschlossen durch die Hegemonie bestimmter Formen?

Die Frage nach dem Ausschluss von Frauen* aus dem historischen Kanon der Philosophie und der akademischen Institution ist daher ein philosophisches Problem und nicht lediglich eins der Repräsentation. Somit ist es auch nicht durch eine quantitative Stärkung von Frauen* in der akademischen Philosophie zu lösen. Stattdessen schlagen wir vor nach den philosophieimmanenten Bedingungen des Ausschlusses zu fragen.

Will man über die Inklusion von Frauen* in den Kanon der Geschichte der Philosophie sprechen, kommt man unweigerlich zu einem Paradox: Heutzutage wird der Beitrag von Philosophinnen* zur Geschichte der Philosophie als Ausnahme erachtet und marginalisiert. Dagegen lässt sich historisch belegen, dass die Rezeption der Texte von Frauen* zu ihrem Erscheinungszeitpunkt weitaus positiver und verbreiteter war. Dies widerspricht der weitläufigen Annahme, es habe keine bedeutenden Philosophinnen* in der Geschichte gegeben. Wenn man sich auf die Suche nach Frauen* in der Philosophie in den letzten zweitausend Jahren begibt, erscheint es viel plausibler, den Ausschluss von Frauen* als eine retrospektive Ausklammerung zu verstehen.[1] Belege für die Inklusion von Frauen* in der Frühen Neuzeit (aber auch in der Antike) finden sich sowohl in der Quantität an Publikationen von Frauen* als auch und in der Reichweite von Philosophinnen* zu dieser Zeit aber auch in der Anerkennung ihrer Beträge durch zeitgenössische Diskurse und zahlreichen Übersetzungen ihrer Texte zu Lebzeiten.[2] Dagegen wird der Beitrag von Frauen* zu der Geschichte der Philosophie heute – wenn überhaupt – auf einige „Ausnahmefälle“ beschränkt.

Daran schließt sich die Frage an, inwiefern die retrospektive Auslöschung von Frauen* mit dem historischen Wandel der philosophischen Formen zusammenhängt.[3] Was geschieht im Übergang zur Neuzeit? Innerhalb der Philosophie vollzieht sich ein Sondierungsprozess in Bezug auf die Frage der relevanten philosophischen Probleme, die angemessene Methode der Untersuchung und den angemessenen Stil des Schreibens. Dies führt zu einer Reihe von Veränderungen: Die Frage nach relevanten philosophischen Problemen führt zum Ausschluss von Theologie und Mystik aus dem Bereich der Philosophie, aber auch der Verdrängung der Frage nach den Geschlechterverhältnissen in die Anthropologie. Damit werden viele Bereiche, die für Frauen* zugänglich waren, und in denen Frauen* einflussreiche Texte geschrieben haben, aus dem genuin philosophischen Bereich verbannt. Mit dem Herausbilden eines neuen Wissenschaftsideals werden viele antike Werke als „vor-kritisch“ aus dem Bereich der Philosophie ausgeschlossen. Die angemessene Methode der Untersuchung orientiert sich auch in der Philosophie an dem Ideal des rationalen Zweifel. Die dritte wesentliche Veränderung lässt sich in Bezug auf die Formen und Praktiken des Philosophierens konstatieren: Poetische Schriften, Briefe, Gedichte werden nicht mehr als genuin philosophisch betrachtet. Die literarische Form des Schreibens und Philosophierens wird als feminin diskreditiert und einer „männlich-rationalen“ Form der Philosophie untergeordnet.  Historisch fällt dieser Wandel in den Praxisformen der Philosophie mit einem materiellen Wandel in der Akzeptanz von Frauen* in der Philosophie zusammen. Der Ausschluss von Frauen* aus der Philosophie und die inhaltliche Veränderung sind daher unmittelbare Folgen der Diskreditierung bestimmter philosophischer Praxisformen.

Heutzutage ist die Vorstellung vorherrschend, dass Frauen* als Philosophinnen* ein modernes Phänomen darstellen. Stattdessen lohnt sich die historische Betrachtung, um verloren gegangene Werke wieder zu entdecken und eine Reflexion über philosophische Praxisformen anzuregen. Die Frage sollte daher nicht sein: Sollte sich Philosophie inhaltlich mit Geschlecht beschäftigen, sondern: Welche Formen der Philosophie sind einem inklusiven und feministischen Anspruch angemessen?

[1] Vgl. dazu E. O’Neill. Disappearing Ink: Early Modern Women Philosophers and Their Fate in History. In: Philosophy in a Feminist Voice, hrsg. von J.A. Kourany. Princeton : Princeton University Press. 1998.

[2] Einen ausführlichen Überblick über bedeutende Philosophinnen* der Antike und Frühen Neuzeit gibt M.E. Waithe (Hrsg.). A History of Women Philosophers. 1. Ancient Women Philosophers, 600 BC – 500AD. Dordrecht [u.a.] : Nijhoff, 1987; sowie A History of Women Philosophers. 2. Medieval, renaissance and enlightenment women philosophers: A.D. 500 – 1600. Dordrecht [u.a.] : Nijhoff, 1989. Für eine aktuelle Auseinandersetzung und Aufarbeitung der Sichtbarkeit von Frauen* in der Philosophiegeschichte s. http://historyofwomenphilosophers.org/.

[3] E. O’Neill, s.o., S. 32-39.

 

Zweites Statement

In unserem ersten Statement haben wir auf ein philosophieimmanentes Problem aufmerksam gemacht. Daran anschließend wollen wir nun skizzieren, welche inhaltlichen Folgen sich aus den Veränderungen der philosophischen Praxisformen ergeben. Außerdem plädieren wir für die Notwendigkeit feministischer Philosophie! Im Folgenden werden wir argumentieren, dass feministische Philosophie eine grundsätzliche Verschränkung von Theorie und Praxis impliziert, die zu einer Selbstreflexion der Philosophie anregen kann.

Das Problem ist bekannt: Der Frauen*anteil in der Philosophie ist signifikant niedrig. Etwa die Hälfte der Erstsemester in der Philosophie an der Goethe Uni sind Frauen*. Mit der Zeit nimmt dieser Anteil ab. Auf den Lehrstühlen der Bundesrepublik herrscht häufig eine Männer*quote von nahezu 100 Prozent.

Woran liegt das? Sind Frauen* nicht für die Philosophie geeignet, interessieren sie sich nicht für ihre Sachverhalte, oder liegen diesem Ausschluss strukturelle soziale Bedingungen zugrunde? Die beiden ersteren Antworten legen ein antiquiertes Gender-Verständnis nahe, das besagt, soziale Eigenschaften würden durch biologische Faktoren determiniert. Wenn wir dies aber ablehnen (was wir sollten), haben wir es mit einem sozialen Ausschluss von Frauen* zu tun, zu welchem wir politisch Stellung beziehen müssen.

Aus der psychologischen Verhaltensforschungen kennen wir die Phänomene des Implicit Bias und Stereotype Threat. Diese Begriffe beschreiben die Beeinflussung von Individuen durch implizite Vorurteile.

Implicit Bias bezeichnet unbewusste Annahmen über marginalisierte Gruppen und deren assoziative Zuschreibung von Eigenschaften.

Stereotype Threat bezeichnet den Einfluss von impliziten Vorurteilen auf das Verhalten von Mitgliedern einer stigmatisierten Gruppe. Er führt dazu, dass Mitglieder dieser Gruppen bei einer Aufgabe schlechter performen, weil sie Angst haben, diese Stereotype zu bestätigen.

Für den Kontext geschlechtlicher Diskriminierung bedeutet dies konkret, dass Frauen*, die sich in einer Profession bewegen, die männlich konnotiert ist, signifikant schlechter performen können, wenn sie sich in einer Situation befinden, die für sie „threatening“ ist. Die Philosophie und sämtliche Attribute, die mit ihr in Verbindung stehen – z.B. rational und objektiv zu sein – sind männlich konnotiert.

Warum sollten wir annehmen, dass die Phänomene des Stereotype Threat und Implicit Bias ein Problem für die Philosophie darstellen? Als Philosoph_innen sind wir – ob wir es wollen oder nicht – in einem historischen, kulturellen und politischen Kontext eingebunden. Gegenwärtige westliche Gesellschaften zeichnen sich durch patriarchale Strukturen aus, und so wie die restliche Bevölkerung davon geprägt ist, haben implizite Vorurteile gegenüber Frauen* und marginalisierten Gruppen ebenso Einfluss auf das Denken von Philosoph_innen.

Für die Philosophie stellt sich darüber hinaus noch ein verschärftes Problem: Weil die Philosophie allgemeingültige oder verallgemeinerbare Aussagen treffen will, verstrickt sie sich mit impliziten Vorurteilen in Widersprüchen, weil sie dem Anspruch von Universalität nicht gerecht werden kann. Wie also können wir Philosophie gestalten, um ein Mehr an Gerechtigkeit zu erzielen und um einfach bessere, weil tatsächlich verallgemeinerbare Philosophie machen zu können?

Die Frage, die sich uns stellt, ist also nicht, ob und welchen Beitrag die Philosophie zur Artikulation der Geschlechterverhältnisse machen kann. Die Antwort ist für uns selbstverständlich, denn die Philosophie hat dazu immer schon einen Beitrag geleistet (wenn dieser auch in der Vergangenheit vorrangig zur Stabilisierung dieses Machtverhältnisses beigetragen hat). Sondern unsere Frage lautet, welchen Beitrag die Kategorie „Geschlecht“ zu philosophischen Fragestellungen leisten kann.  Anders formuliert: Welche Einsichten aus der Geschlechterforschung sind der Philosophie dienlich? Wieso ist eine feministische Perspektive auf Philosophie notwendig?

Dazu wollen wir kurz zu skizzieren, was wir unter feministischer Philosophie verstehen: Feministische Philosoph_innen thematisieren klassische Fragen auf geschlechtersensible Weise. Sie kritisieren eine androzentrische Vernunft und Objektivität. Konkret heißt das: Wenn wir auf die historische und kulturelle Einbettung achten, produzieren wir Wissen, welches besser verallgemeinerbar ist und nicht die Universalität männlicher Erfahrung unterstellt. Feministische Philosophien teilen die Annahme, dass philosophische Methoden, Fragen und Konzepte einen wesentlichen Anteil an Unterdrückung, aber auch an Befreiung haben können. Der grundlegende Anspruch feministischer Philosophie ist demnach normativ, in dem Sinne, dass das Ziel und der Zweck von Philosophie die Befreiung von verschiedenen Achsen von Herrschaftsstrukturen sind. Feministische Philosophie ist damit wesentlich an dem politischen Ziel der Emanzipation ausgerichtet.

Eine wesentliche Einsicht feministischer Philosophie ist die grundsätzliche Normativität von Wissenschaft, sowie die Ablehnung eines neutralen Standpunkts. Eine „gute“ philosophische Theorie, die Universalität zumindest als Anspruch hat, sollte so inklusiv wie möglich sein. Sie sollte sich demnach verschiedenen Erfahrungen und Perspektiven widmen und diese mit einbeziehen.

Feministische Philosophie lässt sich also nicht nur als eine Teildisziplin der Philosophie betrachten, sondern stellt die Möglichkeit permanenter Reflexion über das Verhältnis von Theorie und Praxis dar, aber auch die Möglichkeit zu einer permanenten Selbstreflexion der eigenen Begriffe, Methoden und Voraussetzungen.